Wir leben und erleben so viel. Manchmal fehlen einfach die Worte und unsere Wahrnehmung ist nicht genügend geschärft, um Dinge, die vorüberziehen, zu erkennen und vor allem zu würdigen. Oft gewinnen diese Dinge durch ihre Benennung überhaupt erst eine Bedeutung. Durch Benennung werden die Dinge so in das Bewusstsein gehoben, wenn man ansonsten achtlos an ihnen vorbeigegangen wäre. So ergeht es mir jetzt mit dem Begriff
Resilienz, der im Zusammenhang mit der Musik von J.S. Bach in einer
Sendung des WDR 5 fiel.
Wer kennt sie nicht, die Musik von J.S.Bach. Lange Zeit war sie mir rätselhaft, oft erschien sie mir zu diszipliniert, zu geordnet, zu kalt. Mozart war mir näher, ist mir heute auch noch nahe, sehr nahe. Meine Vorliebe galt Mozart, weil ich meine Gefühle unmittelbar angesprochen fühlte, diese Fröhlichkeit, in der ich erst später den Schmerz und die Schwermütigkeit entdeckte, vor Bach dagegen hatte ich immer Respekt. Den strengen Protestantismus glaubte ich in ihm zu erkennen und dessen strenge Zucht schreckte mich. Manche Stücke jedoch machten mich neugierig und ich hörte sie in besonderen Momenten, nie nebenher, weil sie mir in einem gewissen Sinne heilig waren und heute auch noch sind. Dazu zählen u.a. die Goldberg-Variationen, eingespielt von Glenn Gould, diesem kanadischen Genie, dessen Markenzeichen das Mitsummen der Partituren war. Und heute stelle ich fest, dass ich viel zu wenig von Bach kenne. Seine Musik geht in die Tiefe, in die tiefsten Verästelungen der Seele, dort, wo auch die Verwundungen sitzen, die Narben, die nicht gehen wollen. Dieses Thema wurde in der angesprochenen Sendung aufgegriffen: die Musik Bachs ist ohne sein seelisches Erleben, ohne seine Traumata nicht denkbar. Diese Tramatisierungen hat er in seiner Musik auf die ihm eigene Art verarbeitet. Er hat diesen Schmerz nicht herausgeschrieen, er hat ihm eine Form, einen besonderen Ausdruck gegeben, einen musikalischen, tief emotionalen. Als Stichwort wurde hier der Begriff Resilienz angesprochen, der mir neu als Begriff, nicht aber als gegebene und gelebte Haltung ist. Mit diesem Begriff läßt sich die Bach`sche Musik erschließen: das Leben ist oder ist nicht, der Schmerz ist da und vernichtet doch nicht, alles ist wichtig und unwichtig zugleich, wir irren durch unser Leben und finden nirgendwo richtigen Halt. Und dennoch, ganz besonders in schwierigen und kritischen Situationen ist oft etwas da, was uns hält. Nicht immer und nicht bei allen Menschen. Worauf es ankommt, ist offenbar, dass wir dem Erlebten in der uns je eigenen Art Gestalt verleihen. Dies muss sicher nicht immer substanzhaft oder materiell geschehen, denkbar ist auch ein Verarbeiten auf andere Art, durch Verhalten, durch musikalische oder bildende Kunst usw.. Es ist dieser berühmte Schritt heraus aus der Passivität. Das Schreckliche, das uns widerfährt, muss uns nicht zwangsläufig vernichten, wir können eine bestimmte Einstellung zu ihm gewinnen und es auf eine bestimmte Art verwandeln, indem wir mit ihm arbeiten. Bach hat diese Prozesse lebendig gemacht und für uns konserviert, zeitlos gültig. Der non-verbale Ausdruck allein gibt dem konkret Erlebten Sinn und Gehalt. Hier ist die Tiefe und das Zeitlose spürbar, so dass dem Konkreten der Schrecken genommen wird, das Schreckliche wird entmystifiziert und so erlebbar gemacht, es wird –Heidegger würde vielleicht sagen – entschreckt.
Aus dem Dunkel der Erinnerung geraten manchmal Fetzen des Vergangenen in das Bewusstsein und ich frage mich manchmal, ob die Erinnerung das Erinnerte vielleicht doch verfälscht, in das Erträgliche oder Unerträgliche. Doch was ist es, wenn sich die Gedanken wiederholen, bestimmte Situationen sozusagen perpetuiert sind, weil sie immer wieder einfach nur da sind? Diese Erinnerungen haben einen realen Hintergrund. Erinnerungen, die das Erlebte relativieren, sind eher selten und hintergründig. Die Tatsache, dass es ein Überleben des Erlebten gibt, lässt auf diesen erwähnten unantastbaren Kern schließen, der sich nicht hat berühren oder verletzen lassen. Ich meine, dieser Gedanke hat etwas Österliches… wie immer man es sehen mag. Egal wie, dieser Gedanke spendet Mut, finde ich.